Tuesday, 8. september 2009 2 08 /09 /Sept. /2009 12:47
Mein Jahr in Sibirien war rückblickend doch sehr schnell vorbei - voller Überaschungen, Herausforderungen und Erfahrungen. Sibirien ist toll, herzlich, furchtbar, wunderschön, hässlich, reich, arm, langweilig, spannend, öde, aufregend, und nur nicht so, wie man es sich vorher ausmalt.

Kemerowo Ade - Salut Moskva!
   


von Anorak - Community: Leben und Arbeiten im Ausland
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Friday, 22. may 2009 5 22 /05 /Mai /2009 05:39

In der Nachbarstadt Krasnojarsk hatten sich zwei DJs angekündigt, die man so in Deutschland nicht ohne weiteres zu sehen bekommt. Aus diesem Grund habe auch ich die 11 Stunden Busfahrt nicht gescheut, um auch dabei zu sein, wenn DJ Mettigel und das Butterschaf das sibirische Tanzparkett zum kochen bringen würden. Wie Szenekenner wissen, sind die Beiden noch nie zusammen aufgetreten. Noch ein Grund mehr voller Spannung Richtung Osten aufzubrechen, wo ich mich auch mit meinen Kollegen treffen wollte. Es sollte ein seeehr langer Abend werden…

 

Samstagnacht, Pivnoi Dainer, es ist soweit. DJ Mettigel und Butterschaf live. Auf einem Podest startet das Duo durch und bringt nach kurzer Zeit auch Grobmotoriker dazu, das Tanzbein zu schwingen – Funk, Dancehall, Dub, Ska, Soul… Kenner fühlen sich in die besten Barsch mov-Zeiten zurückversetzt.

Nach der gelungenen Performance entschließt sich unsere Partygruppe noch eine andere Location zu besuchen: den legendären ERA-Klub („Elektro-Rok-Andergraund“). Und ich bin überrascht, denn ich hätte so viel alternatives Leben in Russland - wo selbst Blockflötenkonzerte unter polizeilicher Aufsicht stattfinden – nicht erwartet. Im Gegensatz zu den ortsüblichen hypermodernen und teuren Technodissen, haben sich ein Paar Kreative ihren Club offensichtlich selbst gebaut – direkt neben dem Jenissej, mit günstigem Bier, guter Musik, entspannten, angenehm unschick angezogenen Menschen und Supermario auf NES.

 

Als kurz nach 4 Uhr die Luft raus ist, freut sich unsere kleine russisch-deutsche Expeditionstruppe auf die Unterkunft in einem Wohnblock am anderen Ende der Stadt. Boris, der stämmige Russe mit Kinnbart und Kapuzenpulli, besteht darauf, dass wir bei ihm bzw. seiner Frau im Auto mitfahren. Kennengelernt haben wir die beiden bereits beim Konzert im Pivnoi Dainer, das Boris mit auf die Beine gestellt hatte. Nun sitzen wir also, zusammengequetscht und angeheitert zur viert auf der Rückbank des Toyota, Boris und Frau vorne, Marina, die zwei Tomsker Roberts und ich hinten.


Während das Auto über die nassen Straßen jagt, tönt aus den Boxen deutscher Gangsterrap, den Boris vor geraumer Zeit mal aus Berlin mitgebracht hat. Seine Frau fragt nach Kaugummis. Keiner hat welche. Natürlich fahren wir zu schnell. Natürlich ist keiner angeschnallt. Natürlich hält man gleich an, wenn man von der Polizei raus gewunken wird. Als wir nach mehreren hundert Metern dann endlich rechts ran fahren, ist die Polizei schon mit Blaulicht hinter uns.

84 km/h innerhalb der Ortschaft – nicht schlecht! Unsere Fahrerin muss aussteigen. Die Scheiben sind beschlagen. Es regnet durch das immer noch geöffnete Fenster ins Auto. Wir sitzen eingeengt auf der Rückbank. Nach gut einer Viertelstunde steigt auch Boris aus und verschwindet im Regen. Wieder passiert lange nichts. Nur der Gangsterrap schimpft in den schlimmsten Formeln auf Deutsch und vermischt sich mit dem Surren des immer noch laufenden Motors.

Nach weiteren 20 Minuten kommt ein Polizist zu unserem Auto. Es steckt den Kopf durch das geöffnete Seitenfenster und leuchtet uns mit einer Taschenlampe an. Anstelle festzustellen, dass wir einer mehr als erlaubt und alle nicht angeschnallt sind, sagt er „Hello. I’am russisan policeman. You English?“. Nein, wir sind Deutsche. Anstelle nach unseren Ausweisen, Registrierungen und Visa zu fragen, will er wissen wo wir herkommen und erzählt uns noch mehrmals, dass er russian policeman ist und nach Deutschland in den Urlaub fahren wird. Wir spielen das Spiel mit und antworten brav auf seine englischen Fragen. Englisch deshalb, weil es scheinbar zum ersten Mal im Leben Ausländer vor sich hat, an denen er seine Sprachkenntnisse testen kann. „You driver drink“ grinst er und klopft sich dabei mit zwei Fingern auf die Halsschlagader, „Tjurma“ aha, Gefängnis - sie muss also ins Gefängnis. Na schön. Dann dreht er sich um und ruft seinem Kollegen stolz zu, dass er mit uns Deutschen Englisch redet. Kurz darauf verschwindet er mit einem „I am friend now – I’am russian policeman“.

Die Fahrerin kommt zurück und erklärt uns, dass sie bislang keinen Alkoholtest machen konnte, weil die Polizisten kein Gerät dazu haben und nun auf ihre Kollegen warten müssen. Sie hatte nur ein Bier getrunken, aber in Russland gilt Nullkommanull, weil sich andernfalls niemand dran halten würde. Dann verschwindet sie wieder. Das Warten im Auto wird zur Farce. Sekundenschlaf zu deutschem Gangsterrap. Es regnet immer noch. Auch um 5 ist schon lange vorbei und von unseren beiden Chauffeuren ist weiter nichts zu sehen. Wir stehen nun schon über eine Stunde mit laufendem Motor am Straßenrand.

Irgendwann kommt Boris wieder, legt eine Manu Chao-CD ein und erklärt uns, dass das Auto, mit dem wir gerade unterwegs sind, keine gültigen Nummernschilder, sondern nur abgelaufene Transitkennzeichen hat. Diese sind zwar so gut wie kostenlos, aber nur 3 Tage gültig – wenn man trotzdem weiterfährt riskiert man eine Strafe von 100 Rubel (ca. 2,2€) und zahlt damit immer noch ein vielfaches weniger als die monatliche Kfz-Steuer. Im Prinzip ist es ein gutes Geschäft, nun aber ein Beitrag dazu, dass wir nicht vom Fleck kommen. Unser Copilot verschwindet erneut. Uns bleibt nichts anderes übrig als sich nicht gegenseitig zu erdrücken und nebenher zu pennen. Draußen beginnt es zu dämmern.

 

Zwischen 6 und 7 kommt unsere Fahrerin endlich zurück. Auch Boris springt ins Auto. Er erklärt uns, dass sie eigentlich so alkoholisiert nicht hätte fahren dürfen. Aber für die deutsch-russische Freundschaft drückten die Beamten nach langer Diskussion beide Augen zu. Juhuuu! Endlich ins Bett. So setzen wir unsere Fahrt Richtung Unterkunft fort: wieder viel zu schnell, ohne gültige Nummernschilder, mit sechs Personen, alkoholisierter Fahrerin, ohne Gurt, aber mit dem Segen der russischen Polizei.

Da es Mittag um 12 Uhr schon wieder zurück nach Kemerowo gehen sollte, stelle ich meinen Wecker auf 10 Uhr. Ich freue mich über ganze 3 Stunden Schlaf und den lustigen Abend mit Mettigel, Butterschaf und russian policeman. Besser ne Nacht im engen „Taxi“ als im russischen Knast.     

 

 

von Anorak
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Thursday, 14. may 2009 4 14 /05 /Mai /2009 15:19
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche schon lange, aber der Frühling fasst trotzdem erst zögerlich Fuß in Kemerowo. Als wir Ende April in Düsseldorf landeten, kamen wir uns wie im falschen Film vor – in einem Farbfilm, um genau zu gehen. Der blaue Himmel, die bunten Reklametafeln und die schrillen Kleidungsstücke unserer sibirischen Mitbürger konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die russische Natur zeitgleich noch im Winterschlaf befand. Dagegen in Deutschland: grüne Wiesen z.T. schon gemäht, Blumen und maigrüne Bäume - die grüne Brille. Wir hatten eindeutig den Frühling übersprungen.

Zwei Wochen später und zurück in Kemerowo beginnen die kunstvoll in Mitte abgesägten und unten weiß bepinselten Pappelstümpfe am Tomufer auch langsam auszuschlagen. In den Beeten vorm Wohnheim wurden die ersten Blumen gesetzt und am Straßenrad wächst fleißig das Gras. Die Sonne scheint. „Es ist wärmer als gewöhnlich“, versichert mir Zhenija. „Es wird sicher ein heißer Sommer.“ Diese botanisch-meteorologischen Beobachtungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs.

Mit den ersten dauerhaften Sonnenstrahlen ist Kemerowo wie verwandelt. Der Wechsel von Winter zu Sommer verlief nicht schleichend, sondern mit einem Mal. Die bedrückende Tristesse der unsanierten Plattenbauten, die leeren grauen Straßen, die gereizte Atmosphäre – all das sollte die kalte Jahreszeit mit sich in die Stadt gebracht haben und es gehört mit ihr vorerst der Vergangenheit an.
Pünktlich zum 9. Mai, dem Tag des Sieges über den Faschismus, ist auch der so unbarmherzige sibirische Winter besiegt. Und man merkt es den Menschen an, denn Kemerowo gehört nun wieder ihnen. Die Stadt ist plötzlich voller Parkbänke, auf denen die Zukunft Russlands Bier aus 2,5 Literflaschen trinkt. Überall gibt es Spielplätze mit kreischenden Kindern, die breiten Fußwege am Sowjetskii Prospekt und in der Wesenjaja werden von Fahrradfahrern, Skatern, Spaziergängern und Hundeliebhabern bevölkert. Nur Anne fehlt mir.
Ich erinnere mich auf einmal wieder ganz deutlich an meine Ankunft im August letzten Jahres. Es war so ähnlich und ich hatte es in den Monaten voll Eis und Schnee nur vergessen. Eins ist mir klar: das Wetter prägt das Antlitz der sibirischen Stadt extrem. Kemerowo hat zwei Gesichter und man sollte daran denken, bevor man auf eines der beiden reinfällt.


von Anorak
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