Verspäteter Osterspaziergang

Veröffentlicht auf von Anorak

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche schon lange, aber der Frühling fasst trotzdem erst zögerlich Fuß in Kemerowo. Als wir Ende April in Düsseldorf landeten, kamen wir uns wie im falschen Film vor – in einem Farbfilm, um genau zu gehen. Der blaue Himmel, die bunten Reklametafeln und die schrillen Kleidungsstücke unserer sibirischen Mitbürger konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die russische Natur zeitgleich noch im Winterschlaf befand. Dagegen in Deutschland: grüne Wiesen z.T. schon gemäht, Blumen und maigrüne Bäume - die grüne Brille. Wir hatten eindeutig den Frühling übersprungen.

Zwei Wochen später und zurück in Kemerowo beginnen die kunstvoll in Mitte abgesägten und unten weiß bepinselten Pappelstümpfe am Tomufer auch langsam auszuschlagen. In den Beeten vorm Wohnheim wurden die ersten Blumen gesetzt und am Straßenrad wächst fleißig das Gras. Die Sonne scheint. „Es ist wärmer als gewöhnlich“, versichert mir Zhenija. „Es wird sicher ein heißer Sommer.“ Diese botanisch-meteorologischen Beobachtungen sind allerdings nur die Spitze des Eisbergs.

Mit den ersten dauerhaften Sonnenstrahlen ist Kemerowo wie verwandelt. Der Wechsel von Winter zu Sommer verlief nicht schleichend, sondern mit einem Mal. Die bedrückende Tristesse der unsanierten Plattenbauten, die leeren grauen Straßen, die gereizte Atmosphäre – all das sollte die kalte Jahreszeit mit sich in die Stadt gebracht haben und es gehört mit ihr vorerst der Vergangenheit an.
Pünktlich zum 9. Mai, dem Tag des Sieges über den Faschismus, ist auch der so unbarmherzige sibirische Winter besiegt. Und man merkt es den Menschen an, denn Kemerowo gehört nun wieder ihnen. Die Stadt ist plötzlich voller Parkbänke, auf denen die Zukunft Russlands Bier aus 2,5 Literflaschen trinkt. Überall gibt es Spielplätze mit kreischenden Kindern, die breiten Fußwege am Sowjetskii Prospekt und in der Wesenjaja werden von Fahrradfahrern, Skatern, Spaziergängern und Hundeliebhabern bevölkert. Nur Anne fehlt mir.
Ich erinnere mich auf einmal wieder ganz deutlich an meine Ankunft im August letzten Jahres. Es war so ähnlich und ich hatte es in den Monaten voll Eis und Schnee nur vergessen. Eins ist mir klar: das Wetter prägt das Antlitz der sibirischen Stadt extrem. Kemerowo hat zwei Gesichter und man sollte daran denken, bevor man auf eines der beiden reinfällt.


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stampftaenzerin 05/16/2009 12:32

schön mal wieder von dir zu lesen. klingt so als würde bald die schaschliki-saison losgehen...