Kitchen Stories
Ist Blogschreiben ein Phänomen einer Welt 2.0 – voll von Einzelgängern, Selbstdarstellern und Menschen ohne Hobbys oder sozialen Kontakten? Kann schon sein. Fakt ist, dass ich seit einiger Zeit nicht mehr ganz so schreibselig bin. Manche vermuten dahinter meine Selbstzensur. Natürlich, ich will nicht mehr über das sibirische Wetter schreiben, aber ist das ein Grund dafür, kaum noch irgendetwas zu schreiben?
Wohl kaum. Zugegebenermaßen passiert hier gerade nicht so viel. Alltag eben. Ich habe jedoch absolut nichts dagegen, denn meine Freundin leistet mir seit fast zwei Monaten Gesellschaft. Sie ist mir nach Sibirien gefolgt und steigert damit die Lebensqualität um 100 Prozent. Zusammen mit einer belgischen Praktikantin und dem bereits genannten französischen Lektor haben wir uns nun zu einem internationalen Team verbündet. Wie es scheint, sind wir auch die einzigen Europäer in diesem 500.000 Einwohner zählenden Industriemoloch. Das schweißt zusammen.
„What do you want to eat today?“ fragt uns die Belgierin Sandrine mit einem russisch-französischen Akzent auf Englisch. „I prepared something for you.“
Unglaublich was eine eigene Küche für Euphorie auslösen kann. Die Zeiten sind vorbei, in denen meine Kochplatte auf einem Stuhl in meinem einsamen kleinen Kämmerchen vor sich hinkippelte. Die Mädels haben tatsächlich ein Zimmer mit Koch- und Essmöglichkeit. Uns Männern hat man so was wohl nicht zugetraut und es dann für die Ausländerinnen aufgespart. Können Männer hier nicht kochen oder werden Frauen bevorzugt und in den besser ausgestatteten Zimmern einquartiert? Wer weiß.
Es ist Abend und wie immer kommt der Franzose Geoffrey, der wohl sein restliches Leben in Sibirien verbringen wird, mit einem monotonen, nasal ausgesprochenen „Это Я“ hereingepoltert. Er beginnt wie immer sofort von den Strapazen des Arbeitslebens zu erzählen, auf Russisch, Französisch und Spanisch. Sein Lieblingswort ist Кошмар – wohl weil es auf Französisch das gleiche heißt (Cauchemar).
Anne arbeitet vertieft am PC oder studiert Fachliteratur. In der Küche köchelt und blubbert es so vor sich hin. Nebenbei surrt ein Heizlüfter. Wir kochen – nein, zaubern - und sitzen bis spät auf der 70er Jahre Polstergarnitur. Während sich einer für den Abwasch opfert, werden schon wieder Tee, Kaffee und Gebäck aufgetragen.
Eine kleine WG mit 4 Mitbewohnern in 3 Zimmern, die sich auf dem langen, sonst so anonymen Korridor des Wohnheims verteilen. Die Fremde beginnt schon lange nicht mehr unmittelbar vor meiner Zimmertür. Die Küche bzw. das Esszimmer ist unser Kristallisationspunkt geworden - unser Forum für die Abenteuer des Alltags in Sibirien. Ein Raum, um mal ein bisschen von Russland abzuschalten… und meinen PC gleich mit.