Der Handwerker
Eigentlich wollte ich nur ein Schränkchen oder Tischchen für mein kleines Zimmerchen. Ich brauchte einfach mehr Ablagefläche. Was macht man in so einem Fall also in einem russischen Wohnheim? Genau, man geht zur Wohnheimkommandantin und trägt dort seinen bescheidenen Wunsch vor.
Um mich mit ihr gut zu stellen, stecke ich noch eine kleine Schachtel deutsche Pralinen ein. Aber eigentlich hätte ich wissen sollen, dass ich mein Wunschpensum mit dem Erhalt des Kühlschranks für die nächsten 5 Jahre ausgereizt habe, denn als ich die Frau freundlich begrüße, schaut Sie mich an, als hätte ich Lepra. Genervt hört Sie sich meine Bitte nach dem Schränkchen an und entgegnet mir dann: „Sie haben doch schon Möbel im Zimmer und außerdem haben wir kein Geld.“ Ja ja, Finanzkrise und so. Damit ist für sie das Gespräch beendet. Ich ziehe die Hand, mit der ich eben noch nach der Pralinenschachtel greifen wollte, reflexartig aus der Tasche zurück. Die Schokolade bekommt jetzt ein freundlicherer Mensch., denke ich mir so.
Auch meine Laune ist nun nicht mehr die Beste und das liegt nicht mal an ihrer Antwort. Es ist vielmehr ihre reservierte Art zu antworten. Gut, da kann man nichts machen. Dennoch erkläre ich ihr, mit meinen letzten Reserven an Freundlichkeit, dass ich in meinem Zimmer zwar schon zwei Hängeregale habe, diese jedoch auf dem Fußboden stehen, was meiner Meinung nach nicht sinnvoll ist, wenn man nur so eine kleine Wohnfläche hat. Ich plante daher, die Regale auf einen kleinen Tisch stellen, den ich jetzt einforderte.
Nach kurzem Überlegen entgegnet sie mir gequält, dass sie jemanden vorbeischickt. Gesagt getan – 15 Minuten später steht ein alter weißhaariger Mann, vermutlich der Hausmeister, vor meiner Tür. Er begutachtet die Regale.
Als ich mich als Deutscher zu erkennen gebe - was mit meinen bescheidenen Sprachkenntnissen ja auch nicht so leicht zu vertuschen wäre – beginnt er gleich damit, in Erinnerungen zu schwelgen: „Ach Doitschlahnd! Laipzig, Waimar, Poodsdamm – wie schön das damals war ... als Soldat 1951-53.“
Ich rechne zurück: Von 1951 bis 2009 sind es – Moment – 58 Jahre. Wenn er mit 18 in Deutschland gewesen ist, müsste er jetzt mindestens 76 sein. Okay, aber dafür noch recht fit.
„Solche Regale hatten wir damals hier nicht. Aber ihr schon 1951!“, grinsend zeigt er auf mein schrottiges Pressspanregal mit Phantasie-Funier. Ich versuche geehrt zu nicken. Ein hoch auf den Fortschritt! Wieder ernst konstatiert er: „Wir bauen Dir das auf die russische Art an die Wand.“
Kurz darauf bohrt er die Löcher. Auf Zollstock oder Wasserwaage wurde verzichtet. Anstelle eines Plastikdübels benutzt er jedoch kleine Holzstöcke, die er in die Bohrlöcher schiebt und sie somit wieder verschließt. Die Enden werden abgesägt, in die Stockenden dreht er anschließend Schrauben, die die Regale später halten sollen. Aha, denke ich, das ist also die russische Art. So hat man das bei uns sicher auch gemacht, bevor (der deutsche) Artur Fischer 1958 den Plastikspreizdübel entwickelt hat.
Zu diesem Zeitpunkt war der fleißige Kemerowoer Handwerker aber schon längst wieder in Sibirien. „Gibt es bei Euch jetzt noch russische Soldaten?“, fragt er mich ernsthaft. „Nein“, antworte ich fast schon zu heiter für seine Nostalgie.
Wie ich anfangs bereits ahnte, war das blinde Vertrauen aufs Augenmaß beim Bohren der Löcher schließlich doch nicht die beste Idee. Aber nach gut einer Stunde, mehreren neuen Bohrversuchen, weiteren Anekdoten und einem zweiten Helfer, waren die beiden Regale endlich an der Wand. Leider etwas schief - aber bis jetzt sehr stabil. Eben ganz die russische Art.
Um mich mit ihr gut zu stellen, stecke ich noch eine kleine Schachtel deutsche Pralinen ein. Aber eigentlich hätte ich wissen sollen, dass ich mein Wunschpensum mit dem Erhalt des Kühlschranks für die nächsten 5 Jahre ausgereizt habe, denn als ich die Frau freundlich begrüße, schaut Sie mich an, als hätte ich Lepra. Genervt hört Sie sich meine Bitte nach dem Schränkchen an und entgegnet mir dann: „Sie haben doch schon Möbel im Zimmer und außerdem haben wir kein Geld.“ Ja ja, Finanzkrise und so. Damit ist für sie das Gespräch beendet. Ich ziehe die Hand, mit der ich eben noch nach der Pralinenschachtel greifen wollte, reflexartig aus der Tasche zurück. Die Schokolade bekommt jetzt ein freundlicherer Mensch., denke ich mir so.
Auch meine Laune ist nun nicht mehr die Beste und das liegt nicht mal an ihrer Antwort. Es ist vielmehr ihre reservierte Art zu antworten. Gut, da kann man nichts machen. Dennoch erkläre ich ihr, mit meinen letzten Reserven an Freundlichkeit, dass ich in meinem Zimmer zwar schon zwei Hängeregale habe, diese jedoch auf dem Fußboden stehen, was meiner Meinung nach nicht sinnvoll ist, wenn man nur so eine kleine Wohnfläche hat. Ich plante daher, die Regale auf einen kleinen Tisch stellen, den ich jetzt einforderte.
Nach kurzem Überlegen entgegnet sie mir gequält, dass sie jemanden vorbeischickt. Gesagt getan – 15 Minuten später steht ein alter weißhaariger Mann, vermutlich der Hausmeister, vor meiner Tür. Er begutachtet die Regale.
Als ich mich als Deutscher zu erkennen gebe - was mit meinen bescheidenen Sprachkenntnissen ja auch nicht so leicht zu vertuschen wäre – beginnt er gleich damit, in Erinnerungen zu schwelgen: „Ach Doitschlahnd! Laipzig, Waimar, Poodsdamm – wie schön das damals war ... als Soldat 1951-53.“
Ich rechne zurück: Von 1951 bis 2009 sind es – Moment – 58 Jahre. Wenn er mit 18 in Deutschland gewesen ist, müsste er jetzt mindestens 76 sein. Okay, aber dafür noch recht fit.
„Solche Regale hatten wir damals hier nicht. Aber ihr schon 1951!“, grinsend zeigt er auf mein schrottiges Pressspanregal mit Phantasie-Funier. Ich versuche geehrt zu nicken. Ein hoch auf den Fortschritt! Wieder ernst konstatiert er: „Wir bauen Dir das auf die russische Art an die Wand.“

Kurz darauf bohrt er die Löcher. Auf Zollstock oder Wasserwaage wurde verzichtet. Anstelle eines Plastikdübels benutzt er jedoch kleine Holzstöcke, die er in die Bohrlöcher schiebt und sie somit wieder verschließt. Die Enden werden abgesägt, in die Stockenden dreht er anschließend Schrauben, die die Regale später halten sollen. Aha, denke ich, das ist also die russische Art. So hat man das bei uns sicher auch gemacht, bevor (der deutsche) Artur Fischer 1958 den Plastikspreizdübel entwickelt hat.
Zu diesem Zeitpunkt war der fleißige Kemerowoer Handwerker aber schon längst wieder in Sibirien. „Gibt es bei Euch jetzt noch russische Soldaten?“, fragt er mich ernsthaft. „Nein“, antworte ich fast schon zu heiter für seine Nostalgie.
Wie ich anfangs bereits ahnte, war das blinde Vertrauen aufs Augenmaß beim Bohren der Löcher schließlich doch nicht die beste Idee. Aber nach gut einer Stunde, mehreren neuen Bohrversuchen, weiteren Anekdoten und einem zweiten Helfer, waren die beiden Regale endlich an der Wand. Leider etwas schief - aber bis jetzt sehr stabil. Eben ganz die russische Art.
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