Marschrutka für Anfänger
Nach gut anderthalb Monaten in Russland hat sich bei mir ein russischer Alltag eingestellt: Mir geht es gut, der Papierkrieg bezüglich des Arbeitsvertrags, der Wohnung und des Jahresvisums ist bald überstanden. Mein Quartier wird immer wärmer und gemütlicher. Die Arbeit läuft routinierter (was nicht bedeutet, dass es weniger wird) und ich kenne mich in der Stadt bereits so gut aus, dass ich hier fast ohne fremde Hilfe prima zurechtkomme. Eine Sache, die ich gleich zu Beginn gelernt habe, ist das Busfahren.
Schritt 1 – Bushaltestell
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Wenn ich dann, wie jeden morgen, die riesige Straße heil überquert habe, an der Bushaltestelle stehe und mit Bonney M oder den neusten Pop-Remix von Cherry Cherry Lady beschallt werde, komme ich mir fast wie so ein richtiger Russe vor. Ich versuche in der Masse wartender Menschen unterzutauchen.
Ein unnormales Detail an mir sticht den alteingesessenen Sibiriern jedoch sofort ins Auge: Der Rucksack - er hat auf seinen Siegeszug zwar bereits den Ural überquert, doch ist er hier noch so selten, dass man unter Umständen sogar darauf angesprochen wird. Rucksäcke sind ja auch etwas für Wanderungen und nicht für die Stadt. Der Kemerowoer von heute läuft lieber mit winziger Umhängetasche oder stylischer Plastiktüte, meist von NewYorker, durch die Gegend.
Was soll’s. Ich stehe also am Bus, den Rucksack geschultert und warte auf etwas, was es so sicher nur im Ostblock gibt - die Marschrutka. Jedem, der schon mal in Russland war, ist sie ein Begriff. Für alle Anderen: „Marsch“ und „Route“ klingt zwar irgendwie deutsch, nach Militär und Wanderung. Es handelt sich dabei jedoch um einen russischen Taxibus, der eine feste Route durch die Stadt fährt. (Wäre mal interessant den Ursprung des Wortes herauszufinden.)
Schritt 2 – Einsteigen und Bezahlen
Wie ich es verstanden habe, erwerben Taxiunternehmen eine Lizenz bei der Stadt, die das Geld dann in den Ausbau ihres öffentlichen Nahverkehrsnetzes steckt. Das Ganze funktioniert so gut, dass die Marschrutkas im Minutentakt an mir vorbeisausen, während ich an der Bushaltestelle stehe und nach einer passenden Linie schaue. Als ich auf dem Schild in der Windschutzscheibe „T4“ lese (= Taxi, Line 4), fange ich an zu winken, denn das ist meine Strecke und nur wenn ich irgendwie auf mich aufmerksam mache, hält das Sammeltaxi an.
Nachdem ich erfolgreich eingestiegen bin, zücke ich 20 Rubel und lege sie zum Fahrer, der mir während der Fahrt in Windeseile das Wechselgeld raus gibt. Monatskarten oder ähnliches gibt es nicht. Man kauft immer Einzelfahrten.
Schritt 3 – Die Fahrt
Die Fahrer scheinen einen Wettbewerb daraus zu machen, wer am schnellsten den Leninprospekt rauf- und runterfahren kann. Denn es wird gehupt, überholt, gedrängelt, gebremst und Gas gegeben, dass man sich als stehender Passagier gut festhalten muss. Die Kupplung knarrt und der Motor jault bei jedem Anfahren auf. Es ist selbst bei kalten Außentemperaturen durch die Motorwärme unheimlich warm.
Je nach Vorliebe des Fahrers, kommt dann noch eine musikalische Untermalung der Fahrt hinzu. Aus den Busfenstern sieht man auf der breiten Straße, die kerzengerade an den alten sowjetischen Plattenbauten entlangläuft, nur noch selten russische Automodelle. Direkt importierte Japaner mit Steuer auf der rechten Seite und europäische Marken dominieren das Straßenbild in Kemerowo und sicher nicht nur hier.
Da die Marschrutka ganze 5 Rubel mehr als der öffentliche Bus kostet, ist sie bis auf die Stoßzeiten nicht so überfüllt. Mit einem Rucksack macht man sich hier dennoch weder im Bus noch in der Marschrutka zur Rush Hour Freunde. Manchmal sind die Verkehrsmittel so voll, dass die Leute das Geld für die Fahrkarte von ganz hinten nach vorne durchreichen und immer dazusagen, wie viele Fahrkarten sie wollen. Beim Fahrer angekommen wandert dann das Wechselgeld mit dem Ticket auf dem gleichen Weg zurück zum eingequetschten Zugestiegenen. Beeindruckend, dass das so gut klappt – die soziale Kontrolle macht’s anscheinend möglich.

Schritt 4 – Aussteigen
Kurz vor dem Ziel wird es dann besonders für Russischanfänger noch mal spannend. Nachdem man sich Richtung Ausgang gekämpft hat, muss man dem Fahrer deutlich machen, dass man an der nächsten Haltestelle raus will. Die magischen Worte dafür lauten „Na Ostanowkje, poschalusta“. Wenn man das dann fehlerfrei über die Lippen gebracht hat, kann man am Ziel fröhlich aus dem Bus steigen. Ein Stück russischer Alltag ist erfolgreich gemeistert.
Schritt 1 – Bushaltestell
eWenn ich dann, wie jeden morgen, die riesige Straße heil überquert habe, an der Bushaltestelle stehe und mit Bonney M oder den neusten Pop-Remix von Cherry Cherry Lady beschallt werde, komme ich mir fast wie so ein richtiger Russe vor. Ich versuche in der Masse wartender Menschen unterzutauchen.
Ein unnormales Detail an mir sticht den alteingesessenen Sibiriern jedoch sofort ins Auge: Der Rucksack - er hat auf seinen Siegeszug zwar bereits den Ural überquert, doch ist er hier noch so selten, dass man unter Umständen sogar darauf angesprochen wird. Rucksäcke sind ja auch etwas für Wanderungen und nicht für die Stadt. Der Kemerowoer von heute läuft lieber mit winziger Umhängetasche oder stylischer Plastiktüte, meist von NewYorker, durch die Gegend.
Was soll’s. Ich stehe also am Bus, den Rucksack geschultert und warte auf etwas, was es so sicher nur im Ostblock gibt - die Marschrutka. Jedem, der schon mal in Russland war, ist sie ein Begriff. Für alle Anderen: „Marsch“ und „Route“ klingt zwar irgendwie deutsch, nach Militär und Wanderung. Es handelt sich dabei jedoch um einen russischen Taxibus, der eine feste Route durch die Stadt fährt. (Wäre mal interessant den Ursprung des Wortes herauszufinden.)
Schritt 2 – Einsteigen und Bezahlen
Wie ich es verstanden habe, erwerben Taxiunternehmen eine Lizenz bei der Stadt, die das Geld dann in den Ausbau ihres öffentlichen Nahverkehrsnetzes steckt. Das Ganze funktioniert so gut, dass die Marschrutkas im Minutentakt an mir vorbeisausen, während ich an der Bushaltestelle stehe und nach einer passenden Linie schaue. Als ich auf dem Schild in der Windschutzscheibe „T4“ lese (= Taxi, Line 4), fange ich an zu winken, denn das ist meine Strecke und nur wenn ich irgendwie auf mich aufmerksam mache, hält das Sammeltaxi an.
Nachdem ich erfolgreich eingestiegen bin, zücke ich 20 Rubel und lege sie zum Fahrer, der mir während der Fahrt in Windeseile das Wechselgeld raus gibt. Monatskarten oder ähnliches gibt es nicht. Man kauft immer Einzelfahrten.
Schritt 3 – Die Fahrt
Die Fahrer scheinen einen Wettbewerb daraus zu machen, wer am schnellsten den Leninprospekt rauf- und runterfahren kann. Denn es wird gehupt, überholt, gedrängelt, gebremst und Gas gegeben, dass man sich als stehender Passagier gut festhalten muss. Die Kupplung knarrt und der Motor jault bei jedem Anfahren auf. Es ist selbst bei kalten Außentemperaturen durch die Motorwärme unheimlich warm.
Je nach Vorliebe des Fahrers, kommt dann noch eine musikalische Untermalung der Fahrt hinzu. Aus den Busfenstern sieht man auf der breiten Straße, die kerzengerade an den alten sowjetischen Plattenbauten entlangläuft, nur noch selten russische Automodelle. Direkt importierte Japaner mit Steuer auf der rechten Seite und europäische Marken dominieren das Straßenbild in Kemerowo und sicher nicht nur hier.
Da die Marschrutka ganze 5 Rubel mehr als der öffentliche Bus kostet, ist sie bis auf die Stoßzeiten nicht so überfüllt. Mit einem Rucksack macht man sich hier dennoch weder im Bus noch in der Marschrutka zur Rush Hour Freunde. Manchmal sind die Verkehrsmittel so voll, dass die Leute das Geld für die Fahrkarte von ganz hinten nach vorne durchreichen und immer dazusagen, wie viele Fahrkarten sie wollen. Beim Fahrer angekommen wandert dann das Wechselgeld mit dem Ticket auf dem gleichen Weg zurück zum eingequetschten Zugestiegenen. Beeindruckend, dass das so gut klappt – die soziale Kontrolle macht’s anscheinend möglich.

Schritt 4 – Aussteigen
Kurz vor dem Ziel wird es dann besonders für Russischanfänger noch mal spannend. Nachdem man sich Richtung Ausgang gekämpft hat, muss man dem Fahrer deutlich machen, dass man an der nächsten Haltestelle raus will. Die magischen Worte dafür lauten „Na Ostanowkje, poschalusta“. Wenn man das dann fehlerfrei über die Lippen gebracht hat, kann man am Ziel fröhlich aus dem Bus steigen. Ein Stück russischer Alltag ist erfolgreich gemeistert.
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