So ein Arsch!
Kurz nach 19 Uhr - es ist Feierabend und genau wie ich nutzen die Russen das, um noch mal einzukaufen. Schon davor brauchte ich ewig, um mich in der Blechlawine vom Stadtzentrum Richtung Wohnheim zu bewegen. Ich stehe also an der Kasse. Nein, das stimmt so nicht, denn eigentlich kann ich die Kasse am Ende dieser langen Schlange nur erahnen. Wie am Einlass zu einem Popkonzert stehen die Leute dicht an dicht. Es bewegt sich wenig.
Nach ca. 5 Minuten und gefühlten 50 cm Fortschritt drängt sich ein großer breiter Mann mit Einkaufswagen von hinten an der Menge vorbei. Ich dachte eigentlich, dass er nur zu den Zeitschriften oder Kaugummis will, doch ohne besondere Anstalten zu machen schert er mit seinem Wagen, wie ein Drängler im Berufsverkehr, kurz vor der Kasse in die Schlange ein.
Diese Frechheit! Diese Ungerechtigkeit! Diese Kaltschnäuzigkeit! Ich erwarte, dass jeden Moment jemand, der diese Szene mitverfolgt hat, meine Gedanken in die russische Sprache formuliert und den Drängler wieder auf die hinteren Ränge vertreibt. Doch nichts passiert. Alle haben es gesehen, aber keiner sagt etwas. Soll ich jetzt also als deutscher Moralapostel meinen Unmut kund tun? Ich, der große Missionar westlicher Zivilisation mit gebrochenem Russisch. Während ich so überlege, fällt mir auf, dass dieser Arsch sehr elegant gekleidet ist. Und ich kann mir nicht helfen, aber der Nadelstreifenanzug, das breite Kreuz, die Goldketten, das lässige Telefonieren und die Delikatessen in seinem Wagen lassen mir in diesem Moment keinen anderen Schluss zu, als dass es sich um einen Zuhälter, Mafiosi oder sonstigen Kriminellen handelt. Ich beiße mir also auf die Zunge und warte brav bis ich an der Reihe bin.
Als ich dann zum Wohnheim zurück laufe frage ich mich, ob ich die Situation in Deutschland auch so eingeschätzt hätte und merke daran mal wieder, dass ich im tiefsten Russland bin. Hier muss es doch nur so von Agenten, Mafiosi und Alkoholikern wimmeln, oder?
Übrigens hat sich dieser Mafia-Hüne inkognito, als er dann dran war, zu meiner Genugtuung ordentlich mit dem Kopf am Zigarettenautomaten über der Kasse gestoßen. In meinen Augen ausgleichende Gerechtigkeit!