Zapping

Veröffentlicht auf von Anorak

Hallo liebe Freunde Sibiriens,

Ich melde mich nach einer kleinen Blogpause zurück. Die wichtigsten Fragen zuerst:

Nein, ich habe immer noch keinen Wodka getrunken und es auch in nächster Zukunft nicht vor. Das Bier hier ist auch ganz okay. Ich habe auch noch keine Bären oder anderen wilden Tiere auf der Straße gesehen und wurde demnach auch nicht von denen angefallen. Und was das Wetter angeht, das ist grau, matschig und nahe dem Gefrierpunkt, aber eigentlich ganz angenehm. Schnee liegt nicht mehr. Am Ende einer langen Woche lasse ich den Abend wie Millionen Menschen auf der ganzen Welt auch vorm Televisor ausklingen... 



Richtig! In meinem Wohnheimzimmer hat sich jetzt auch ein Fernseher zum Kühlschrank dazugesellt. Das bedeutet, dass ich jetzt in den Genuss der russischen Medienlandschaft komme. Das ist auch ganz gut, da sich erstens meine aus Deutschland mitgebrachten DVD-Reserven dem Ende zu neigen und zweitens meine Sprachkenntnisse durch englische und deutsche Filme nicht sonderlich verbessern.
Wer jetzt aber schlussfolgert, dass meine Blogpause was mit dem neuen Fernseher zu tun hat, irrt. Denn so spannend ist das russische Programm, das ich mit der Zimmerantenne rein bekomme sicher nicht. Auch deshalb, weil ich kaum Zeit habe mich vor die Glotze zu hängen und dann auch nicht sonderlich viel verstehe. Ausnahmen sind da Actionfilme und Serien, ohne tiefgehende Handlung, von denen es sehr sehr viele gibt. Aber ebenfalls Adaptionen westlicher TV-Formate, Musiksendungen á la Musikentenstadel und Talentshows verstehe ich ganz gut. So gibt es hier im Programm TNT, das ich mit RTL2 vergleichen würde, die Show "DOM" (dt.: das Haus). Und richtig, es ist die russische Version von BigBrother.
Auf dem gleichen Sender läuft eine russische Variante von "Eine schrecklich nette Familie". Als ich die Sendung das erste Mal gesehen habe, konnte ich es kaum glauben. Sie wurde nicht etwa synchronisiert, sondern wirklich 100prozentig aus den USA auf das russische Jekaterinburg übertragen. Alle Figuren, die dämlichen Lacher, die Gags und die Geschichten des Al Bundy-Kosmos sind identisch und wurden von russischen "Schauspielern" nachgespielt und auf Russland umgemünzt. Nicht, dass mich das sonderlich stört, aber bedeutet das, dass der russische Humor jetzt die neunziger Jahre erreicht hat? Und wird es bald eine russische Version von der Bill Cosby-Show oder den Simpsons geben? Man sollte mit dem Schlimmsten rechnen.
Es gibt natürlich auch noch andere Kanäle. In den Wirren der Transformation war das nicht so. Schwansee. Schwansee. Schwansee. Jedes Mal, wenn in den frühen 90ern eine Ballettaufführung dieses Stücks in Endlosschleife im russischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, war allen Zuschauern klar, dass wieder etwas wichtiges in ihrem instabilen Land passiert war.
Heute kann man auf dem Nachrichtenkanal in beruhigender Gewissheit Medwedjew und Putin abwechselnd Reden schwingen hören. Berichtet wurde in Russland auch detailliert über die Wahl zum amerikanischen Präsidenten. Dabei wurde sensibel jeder Seitenhieb auf Moskau registriert und ausgewertet. Ich hab mich dann auch mal in Kemerowo umgehört und erfahren, dass man hier Obama schon besser findet. Am negativen Image der Amerikaner wird auch er so schnell nichts ändern können. Denn die USA hätten sich durch ihre militärischen Aktionen  im Irak, Serbien und Afghanistan die Sympathien vieler Russen verspielt. Böses militaristisches Amerika. Gekränkten Eitelkeiten nach dem Zerfall der SU. Der Kalter Krieg 2.0. Viele interessiert es einfach auch überhaupt nicht.

Auf dem Nachrichtenkanal flackern russische Panzer und Flugzeuge durchs Bild -
wie jeden Tag. Auch das ist Bestandteil der russischen Medienlandschaft. Eine ausführliche Berichterstattung über die Truppe und  deren neuste Waffen oder letzte Manöver. Dazwischen Werbung - neue Handyanbieter, Einkaufszentren und Automodelle. Ich verstehe endlich mal alles. Denn wie bei uns auch zählt hier nicht der Wortschatz, sondern die Geldbörse. Und zum Geld ausgeben muss man die Sprache nicht beherrschen. Der Kulturkanal und das Fünfte haben dagegen ein anspruchsvolleres Programm. So anspruchsvoll, dass ich kein Wort begreife. Also schalte ich die Glotze lieber wieder aus.


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