Russisch-orthodoxer Gottesdienst

Veröffentlicht auf von Anorak

Es ist Sonntag. Es ist grau. Es ist kalt. Die Quecksilbersäule bewegt sich im einstelligen Bereich. Um jedoch nicht den ganzen Tag im Wohnheim zu verbringen, fahren Geoffrey und ich ins Zentrum. Wir haben uns darauf verständigt, dass wir uns nur noch auf Russisch unterhalten werden. Wir sprechen beide nicht so gut und schweigen deshalb viel.
Nachdem wir etwas essen waren, spazieren wir durch die Stadt. Wir laufen als erstes zum Zirkus. Dabei handelt es sich wirklich um ein festes Zirkusgebäude aus Stein, das es in jeder russischen Stadt zu geben scheint. Als ich vor ein Paar Jahren in Ufa gewesen bin, habe ich mir eine Zirkusvorstellung in einem ähnlichen Gebäude angeschaut. Die Fahrrad fahrenden Bären taten uns deutschen Zirkusbesuchern, zum Unverständnis der Russen, damals allen sehr Leid. Noch einmal werde ich sicher keinen russischen Zirkus betreten.
Etwas südlich vom Kemerowoer Zirkus sieht man goldene Kuppeln emporragen. Sie sind mir schon oft aufgefallen – also wollen wir sie uns mal von Näherem anschauen. Kaum 100 Meter weiter erreichen wir eine Holzhüttensiedlung mitten in der Stadt. Am Wegesrand sitzen mehrere alten Frauen, die uns anbetteln. Manche Häuschen scheinen verlassen zu sein, aus einigen kleinen Ofenrohr-Schornsteinen sieht man aber Rauch aufsteigen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstelle
Kirchen, wie Leute in den kleinen Verschlägen den Winter überstehen.

Hinter der Siedlung thronen die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kathedrale, als
hätten sie sich so einen Vordergrund ausgesucht, um noch beeindruckender zu wirken. Mir fällt wieder ein, dass Sonntag ist, denn die Kirche ist sehr gut besucht. Vor allem ältere Frauen sind in das prunkvolle und gut geheizte Gotteshaus gekommen. Die meisten von ihnen tragen bunte Kopftücher. Wer von den Kirchenbesuchern mag wohl in einer dieser Bretterbuden wohnen? Alle müssen stehen, auch die ganz Alten. Denn anders als bei uns, gibt es in der russisch-orthodoxen Kirche keine Bänke. Wir stellen uns dazu und lauschen dem beeindruckenden Chorgesang. Die orthodoxe Kirche verbietet Instrumente, da diese nicht beten können, wie ich später im Internet nachlese. Es wird also ausschließlich gesungen.

Frauenstimmen erklingen im Crescendo von der Empore. Die Leute bekreuzigen und verbeugen sich ständig – z.B. jedes Mal, wenn das Kreuz oder die Trinität genannt wird. Wir sind die einzigen „Touristen“ und sofort ergriffen von dem unerwarteten Spektakel. Als der Chor in den höchsten Tönen singt, öffnet sich vor uns das goldene Tor zum Altarraum. Gleichzeitig werden alle Kronenleuchter eingeschaltet. Circa 8 etwas ulkig angezogene Bärtige betreten die Kirche. Während Einer den gesamten Raum beweihräuchert, lösen die Anderen mit beeindruckenden Bässen, den Frauenchor ab. Die Ganze Zeremonie geht in der gleichen Dramatik noch eine ganze Weile so weiter. Geoffrey und ich schleichen uns irgendwann davon, nicht ohne etwas Geld in den Klingelbeutel zu werfen. Keine Angst, ich werde mich nicht orthodox Taufen lassen, bewegend war diese Demonstration tiefer Religiösität aber allemal.


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Anne 09/09/2008 18:10

Jaja, ein Land der großen Gegensätze... Würde ich mir auch gerne mal ansehen. Vielleicht bekomme ich ja bald mal die Gelegenheit :o)

Allerliebste Grüße, ich drück dich