Die Feuertaufe

Veröffentlicht auf von Anorak

 

Mein Wecker klingelt 3 Uhr Nachts mitteleuropäischer Zeit. Nachdem ich lange über meinem Skript gesessen habe, fühle ich mich gut vorbereitet. Aber ist eine allzu gute Vorbereitung nicht ein Zeichen von Unsicherheit? Mein Semesterplan umfasst 4 Seiten und erinnert gezwungenermaßen an das, was ich noch vor kurzem in Chemnitz in den ersten Seminarsitzungen auf den Tisch bekommen habe. Ich dusche, frühstücke ordentlich und fahre mit dem Trolleybus in die Uni.

Schon an der Bushaltestelle treffe ich Geoffrey. Er ist genau wie ich neu in der Stadt, wohnt mir im Wohnheim quasi gegenüber und hatte so wie ich am Anfang Probleme mit seiner Toilette. Bei ihm war es allerdings der Spülkasten, den ich ihm mit ungeahntem handwerklichem Geschick wieder funktionstüchtig gemacht habe. Eine Klobrille hat er meines Wissens noch nicht. Ach ja, er ist außerdem Franzose, 21 Jahre und unterrichtet schon seit Anfang der Woche an der Uni. Geoffrey macht mir jedenfalls Mut, denn so gut vorbereitet wirkte er meines Erachtens bisher nicht.

Meine Kurse beginnen laut Plan 14:00 Uhr und enden 19:20 Uhr. Ich bin früh dran und habe noch genügend Zeit mich anderen kleineren und größeren Baustellen zu widmen. Zum Beispiel hab ich noch keine Ahnung, wo sich meine Unterrichtsräume befinden und wie ich an den Schlüssel komme. Man muss dazu sagen, dass sich an jedem Eingang der Uni, genau wie im Wohnheim, ein Wachposten befindet, der von allen Hereinkommenden die Zugangsberechtigungen „überprüft“. Dort soll ich also auch nach einer Schlüsselausleih-Berechtigung fragen. Und welch Wunder! Sie liegt schon für mich bereit. Ich bin beruhigt, denn ich hab jetzt alles um den Schlüssel für den Raum 6320 abholen. Erstmal  in die Mensa! Es gibt Fischsuppe, frittierten Teig und ein griechischer Salat, der in Sonnenblumenöl schwimmt.  

Es ist kurz vor 14 Uhr und ich gehe zu dem Schalter, an dem ich meinen Schlüssel in Empfang nehmen möchte. Die Frau dahinter geht sicher schon auf die 70 zu. Mein Schlüssel ist nicht da. Sie lässt die Wählscheibe des Telefons rotieren und erzählt mir dann etwas auf Russisch. Ich verstehe, dass mein Raum nicht verfügbar ist und dann „Stundenplanbüro“ – ich soll also ins Stundenplanbüro. Okay. Mit Blick auf die Uhr flitze ich durch die Uni. Im Büro angekommen sagen mir die Sekretärinnen, dass ich einen anderen Raum nehmen soll – Raum 2414. Das ist ja schön und gut, aber wo erhalte ich den Schlüssel dafür? „Den kriegen sie dort“ bekomme ich zur Antwort. Mein Unterricht hat theoretisch bereits begonnen. Meine Studenten warten auch schon vor dem vermeintlich falschen Raum. Mir perlt der Schweiß von der Stirn. Ich renne im Treppenhaus rauf und runter. Wohin zuerst?!

Zufällig treffe ich Anna, eine Kollegin von mir und bin erleichtert. Sie spricht perfekt Deutsch und ich kann ihr alles erklären. Gemeinsam suchen wir meine Studentinnen und schicken sie zum neuen Raum. Anna erklärt sich bereit den Schlüssel zu organisieren. Nach kurzer Zeit kommt sie erfolgreich zurück. Ich bin überglücklich. Doch dann! Der Schlüssel schließt nicht! Anna und ich stehen vor der sperrigen Metalltür und versuchen alles Mögliche. Meine zukünftigen Studentinnen verfolgen die Szene gespannt mit. Mehr als 10 Minuten nach Veranstaltungsbeginn öffnen wir mit Gewalt gemeinsam die klemmende Tür zum erlösenden Vorlesungsraum.

Nach so einem Start kann eigentlich kaum noch was schief gehen. Deutsch scheint eine Frauendomäne zu sein – es gibt außer mir wirklich keinen Mann im Kurs. Mit meinen 22 Studentinnen arbeite ich mein Programm ab. Ich erzähle viel. Referiere. Alles klappt gut und nach 5 ½ Stunden Entertainment mit kurzen Pausen, werde ich ins Wochenende entlassen. Fix und fertig, aber zufrieden.   

 

  

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Helene 12/27/2008 18:35

Hallo ;))
Ich möchte dir einfach nur sagen, dass ich deinen Blog den schönsten und iteressantesten finde, auf den ich bis jetzt hier gestoßen bin!! ;))
Herzlichst
Helene

Alex 09/06/2008 02:02

Herzlichen Glückwunsch!

braeschh 09/05/2008 18:44

yoyo

Anne 09/05/2008 17:23

Diese Dramatik, unbeschreiblich. Wer kann mir dazu ne Dramenkurve zeichnen?
Naja, Hauptsache es ist alles gut gegangen und hey, wenns als HOCHSCHULLEHRER nicht klappt, bei den Öffentlich-rechtlichen suchen sie noch Drehbuchautoren fürs Nachmittagsprogramm :o)
Ich drück dich