Der Tag der Bergmänner

Veröffentlicht auf von Anorak

Am Wochenende wurde in Kemerowo der sogenannte „Djen Schachtjora“ (Tag des Bergarbeiters) gefeiert. Ich möchte mir das nicht entgehen Plakatelassen und verabrede mich mit Schenija für Sonntagnachmittag, denn dann so meint er, finde die Hauptveranstaltung statt. Schon im Vorfeld wurde das Zentrum der 500.000 Einwohnerstadt geschmückt und geputzt, denn Kohlebergbau ist der Hauptwirtschaftszweig hier. An den meisten öffentlichen Gebäuden und Brücken wird auf Tafeln und mit großflächigen Plakaten dem hart arbeitenden Bergmann gedankt. Zu diesem Anlass bekommen Fassaden und Geländer einen neuen Anstrich, Straßen werden gesperrt und Festzelte aufgebaut. Ich kann mir nicht helfen, aber mich erinnert dieser Arbeiterkult ein wenig an die DDR.

Kein Wunder, die Stadt wird von den Kommunisten regiert und stellt damit in Sibirien eine Ausnahme dar. Wie in Pjöngjang oder Minsk sind die Straßen blitzblank, man findet überall Müllkübel und kostenlose öffentliche Toiletten. In den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe neuer Gesetzte, die neben dem Stadtbild auch das Lebensniveau verändert haben. Zum Beispiel wurde eine Abgabe von Kohle- und Lebensmittelrationen an Bedürftige vor Winteranbruch eingerichtet. Andererseits verblieben mit den Mienen die größten Arbeitgeber im Besitz der Region und bieten ihrer Belegschaft großzügige Sozialleistungen.

  Es ist Sonntagnachmittag und ich rufe Schenija an, um mit ihm einen Treffpunkt zu vereinbaren. „Oh Sebastian“, sagt er leicht verschämt, „das Fest ist leider schon vorbei. Hast du denn das Feuerwerk gestern Abend nicht gehört?“. Feuerwerk?! Ich dachte schon ich höre eine Schießerei, als 23 Uhr ohne Vorwarnung losgeballert wurde. Kurze Zeit später befürchtete ich Krieg, doch im Internet war diesbezüglich nichts zu lesen. Ich rechnete mit dem Schlimmsten, aber es war doch nur megalautes russisches Geböller zu Ehren sibirischer Bergmänner.  

„Ich habs leider nur gehört“ antworte ich Schenija höflich, der mir daraufhin vorschlägt bei dem schönen Wetter in die Stadt zu gehen. Im Bus fahre ich an unzähligen Plakaten vorbei, auf denen für den von mir verpassten Tag der Bergmänner geworben wird. Aus den Buslautsprechern dröhnt Bonney M. und ich ärgere mich, dass ich das Spektakel nicht miterlebt habe. Für die Stadt scheint es die Party des Jahres gewesen zu sein – mit Konzerten, russischem Volkstanz und Animationsprogramm. Spuren vom Vortag sieht man allerdings nicht mehr. Dem Sonntag zum Trotz, wurde alles aufgeräumt.

  Ich treffe Schenija mit seiner Freundin am Theater. Die Beiden waren am Vortag selbst nicht in Kemerowo, sondern haben außerhalb im Garten gearbeitet. Weil wir alle das Fest verpasst haben, wollen sie mit mir zu einem Bergarbeiterdenkmal und in das Bergbaumuseum gehen. Ein privater „Djen Schachtjora“ also! Wie es sich für ein Bergbaumuseum gehört, befindet es sich auf einem Berg am anderen Ufer des Tom. Dort angekommen stelle ich fest, dass die Arbeit in einem Kohlestollen überhaupt nicht mein Ding wäre. Mir fällt auch wieder ein, dass ich Volksfeste nicht mag. Und so genieße ich die Aussicht über Kemerowo und freue mich über meine bequeme Berufswahl - Kohle hin oder her.  

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Philipp-o 09/03/2008 10:59

Schacht ist doch wohl ganz klar ein deutsches Importwort, oder? Da haben wohl schon andere deine Arbeit gemacht! Andererseits: Was für ein Anknüpfungspunkt für deine Vorlesungen: Kohleförderung in Deutschland. Das wird die ganzen Bergarbeiterkinder sicherlich interessieren, nicht? Im Ruhrgebiet und im Erzgebrige haben die Kumpel ja auch wesentliche Teile der deutschen Folklore geschaffen: Schnitzkunst, kleingartenvereine, Kegelvereine, Versicherungen und und und

patsy 09/03/2008 09:57

Klasse! Mir gefällt dein Blog bisher sehr gut und weil es sooooo gut ist, setzt ich dich auch noch zusätzlich auf meine Link-Liste! ;o) Ich freue mich jetzt schon auf weitere Berichte aus Sibirien.....

Gruß Patsy

Anne 09/02/2008 19:51

Glück auf! Mensch, wie bei uns im Gebirge, zumindest zu Weihnachten. Wenn du möchtest, kannst du es ja bald vergleichen. Ich würde mich freuen. Ich denk an dich.